Surrealismus in der Literatur: Traum, Poesie und Existenz


Surrealismus in der Literatur: Traum, Poesie und Existenz
Surrealismus in der Literatur: Traum, Poesie und Existenz
 
Der Erste Weltkrieg hatte alle bis dahin gültigen Vorstellungen von Ordnung und Tradition, von Gesellschaft und Religion in barbarischer Weise zerstört. Die Idealisten wie die engstirnigen Kriegshetzer von 1914 waren die körperlichen und seelischen Krüppel von 1918, wenn sie überhaupt überlebt hatten. Der futuristische, alte Dummheit in neuer Form formulierende Satz, der Krieg sei die »einzige Hygiene der Welt«, war in seinem leeren Pathos entlarvt. Die äußere Wirklichkeit bedrohte die Wirklichkeit des Geistes: Der Geist »wandte sich der inneren Wirklichkeit zu, seinem Sein, seiner Biologie, seinem Aufbau, seinen Durchkreuzungen physiologischer und psychologischer Art, seiner Schöpfung, seinem Leuchten. Die Methode, dies zu erleben, sich dieses Besitzes zu vergewissern, war Steigerung seines Produktiven,. .. war Ekstase, eine bestimmte Art von innerem Rausch« - so Gottfried Benn in seinem Essay »Expressionismus«. In ihren verstörenden Nonsensproduktionen versuchten die Dadaisten seit 1916 dem Irrsinn der Zeit ihre chaotischen Innenwelten entgegenzusetzen, um die Auslöschung aller bis dahin gehegten bürgerlichen Wertvorstellungen öffentlich zu machen. Die Anhänger des Surrealismus werden ihnen auf diesem Weg systematischer folgen.
 
Was aber ist der Surrealismus? Der Lyriker Guillaume Apollinaire hatte seinem Theaterstück »Die Brüste des Teiresias« nach erstem Zögern den Untertitel »surrealistisches Drama« gegeben. An seiner Uraufführung am 24. Juni 1917 hatte der junge Medizinstudent André Breton teilgenommen und war fortan von dem Begriff begeistert. Hinter ihm schienen sich Geheimnisse zu verbergen, die der Dichter in diesem Augenblick mehr erahnte als erkannte. Als Krankenpfleger war er mit den psychischen Folgen, die Kriegserlebnisse beim Einzelnen auslösen können, unmittelbar in Berührung gekommen, hatte die grässlichen Schreie der von Angstvisionen Gepeinigten gehört, von Hirnschäden ausgelösten Sprachverlust oder in ihnen begründetes Gebrabbel erlebt. In dieser Zeit hatte er aber auch aus französischen Handbüchern Kenntnis von den Grundideen der Psychoanalyse Sigmund Freuds erhalten und wohl Pierre Janets große Untersuchung zum psychischen Automatismus gelesen. Immer klarer wurde ihm, der sich lange Zeit voller Enthusiasmus in der Nachfolge Rimbauds sah, die Bedeutung der Dichtung als authentischem Medium einer von allen Fesseln befreiten Existenz, eines Lebens, das sich gewissermaßen auf die Irrationalität besinnt, um zu ursprünglicher Freiheit zu gelangen.
 
Das erste Produkt dieser Erfahrungen und Überlegungen sind die »Magnetischen Felder«, an die heute eine nüchterne Gedenktafel an dem in der Nähe des Pariser Panthéon gelegenen »Hôtel des Grands Hommes« erinnert: »In diesem Hotel haben André Breton und Philippe Soupault im Laufe des Frühjahrs 1919 die automatische Schreibweise (»écriture automatique«) erfunden und durch die Abfassung der »Magnetischen Felder« den Surrealismus begründet«.
 
Nachdem Breton entdeckt hatte, dass sich zwischen Schlafen und Wachen Sätze von großer und bizarrer Schönheit einstellen, die unmittelbar aus den Tiefen des Unbewussten zu stammen scheinen, beschloss er, gemeinsam mit Soupault zu einem Abenteuer aufzubrechen, das eines der folgenreichsten für die Geschichte des europäischen Geistes im 20. Jahrhundert werden sollte: der Niederschrift des ersten automatischen Textes. Mit ihrem Titel spielen die wohl Ende Mai und Anfang Juni 1919 entstandenen »Champs magnétiques« zum einen auf neuere physikalische Erkenntnisse an, zum anderen aber deutet der Gleichklang von »Champ« (= Feld) mit »Chant« (= Gesang) auf einen der heiligen Texte der Surrealisten, die »Chants de Maldoror« (»Die Gesänge des Maldoror«) von 1868 des Comte de Lautréamont. Die Inhalte des anspielungsreichen Buches sind entsprechend der Systematik seines Entstehens schwerlich wiederzugeben. Nur in den Abschnitten, die am langsamsten geschrieben wurden, lässt die Textkohärenz ein Nacherzählen zu.
 
Je schneller, das heißt je unvorbedachter jedoch sich der Prozess des Schreibens vollzog, desto gravierender waren seine psychischen Folgen, die besonders Breton bis an den Rand des Wahnsinns führten. Die »Magnetischen Felder« mit ihren dunklen Untertönen von Bedrohung und Verzweiflung wurden so für ihn wirklich zu einem »gefährlichen Buch«, das ihm den Selbstmord als Lösung seiner Lebenssituation nahe brachte, die sein Freund und Inspirator Jacques Vaché am 6. Januar 1919 gewählt hatte. Daher brachen die Freunde das Experiment nach acht Tagen ab.
 
Der Tod Vachés hatte in Breton eine Lücke hinterlassen, die ihn für die radikalen, geistig umstürzlerischen Einflüsterungen des Dadaismus empfänglicher machte. Mit dem intellektuellen Kopf der Bewegung, Tristan Tzara, stand er schon seit längerem in Briefkontakt. Nun kam der Oberdada, dessen Ankunft Aragon, Breton, Soupault und als vierter im Bunde Paul Éluard heiß ersehnt hatten, tatsächlich am 17. Januar 1920 in Paris an. Aber schon bald führten die unterschiedlichen Temperamente und Absichten Bretons und Tzaras zu einem Bruch in den Beziehungen. Der feierliche Ernst, mit dem Breton alle Aktionen durchführte und den er auch von seinen Gefolgsleuten erwartete, passte schlecht zu dem spöttischen und sarkastischen, immer wieder alles infrage stellenden Tzara mit seiner völlig unüberschaubaren Spontaneität. So markiert das »Manifest des Surrealismus« von 1924 Bretons stolze Abwendung vom Dadaismus und systematisiert den spektakulären Neubeginn.
 
»SURREALISMUS, Substantiv, masc.«, heißt es darin, »reiner, psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung.« Die karge Formulierung birgt ein existenzielles Programm. Der Surrealismus ist nicht historisch, sondern als Praxis des Lebens von gleich bleibender Präsenz. In seinem Streben nach einer Annäherung von Geist und Form, von Sein und Werden, von Stetigkeit und Zufall begibt er sich über Prozesse des Irrationalen auf die Suche nach dem Absoluten. Das »Denk-Diktat«, das die automatische Schreibweise fixiert, soll die Ordnung der Rede, die Bedeutungen, die sie transportiert, aufheben.
 
Vor diesem Hintergrund wird auch die Literatur nach dem Geschmack der Surrealisten gesiebt und gefiltert - in den öffentlichen Erklärungen »Erutaréttil«, das nichts anderes bedeutet als »Littérature« von hinten gelesen, von 1923 und »Lisez - Ne lisez pas« von 1931. Erlaubt wird die Lektüre manieristischer, düster-romantischer und magisch-hermetischer Texte, verboten Skeptisch-Moralistisches, Religiöses und Rationales. Die Literatur ist Traum, Ergänzung, Erweiterung der Realität, Auflösungsort der von Breton im »Zweiten Manifest des Surrealismus« (1930) benannten Gegensätze »zwischen Leben und Tod, Fantasie und Wirklichkeit, Vergangenheit und Zukunft, Mitteilbarem und Nicht-Mitteilbarem, Hohem und Niedrigem«. Sie stiftet das Wunderbare, entwirft neue Mythen und wird schließlich bei Antonin Artaud reine Entgrenzung, Rausch und einmalige, unwiederholbare Artikulation zwischen Laut und Schrei.
 
Am 1. Dezember 1924 erschien die erste Nummer der Zeitschrift »La Révolution Surréaliste«. Der Name signalisiert ein Programm: Über das literarisch- künstlerische Programm der Bewegung hinaus wollen einige Surrealisten sich nun auch stärker politisch und sozial engagieren. Der kolonialistische Krieg Frankreichs gegen Abd el-Krim und die Rifkabylen in Marokko 1925 bestärkt sie in dieser Haltung. Breton hat zwar nie einen Hehl daraus gemacht, dass für ihn die Befreiung des Geistes absoluten Vorrang vor allen anderen Befreiungsvorstellungen hat, doch auch er trat nach langen Diskussionen innerhalb der Gruppe um das Verständnis des Begriffes »Revolution« gemeinsam mit Aragon, Éluard und Péret im Januar 1927 in die Kommunistische Partei ein. Kurz zuvor hatte er allerdings in der Diskussion mit dem orthodoxen Kommunisten Pierre Naville seine Position in der Schrift »Notwehr« noch einmal eindeutig umrissen. Insgesamt verhielten sich die Surrealisten uneinheitlich und widersprüchlich gegenüber den Kommunisten. Das ist allerdings schon bei oberflächlicher Betrachtung leicht zu verstehen: Die Kommunisten, die bürokratisch auf Planerfüllung drängten, die Psychoanalyse als weiteren Beweis für die Dekadenz des Bürgertums ansahen und in der Kunst nur den sozialistischen Realismus gelten ließen, konnten die poetische Welt der Surrealisten, die auf Traum, Imagination und der Utopie absoluter Freiheit beruhte, schlichtweg nicht begreifen, so wenig wie die schillernden Individualitäten der surrealistischen Künstler bereit sein konnten, die erkennbar kleinlichen Anschauungen der Kommunisten zu akzeptieren. So standen auf der einen Seite die auch von den stalinistischen Gräueln unbeeindruckten Überzeugungstäter wie Aragon oder die blauäugigen Idealisten wie Éluard, auf der anderen die bei allem Preis der Irrationalität klarsichtigen Kritiker wie Breton, dessen Schrift »Als die Surrealisten noch recht hatten« von 1935 den endgültigen Bruch mit den französischen Kommunisten markiert. Im Persönlichen nicht minder konsequent, beendete Breton auch Freundschaften: die mit Aragon 1932, die mit Éluard 1938.
 
Die Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe brachten auch »Das zweite surrealistische Manifest« hervor, das im Ton ungleich aggressiver ist und unter anderem mit verletzender persönlicher Schärfe Ausschlüsse aus der Bewegung begründet. Die einen haben aus der Sicht Bretons die Prinzipien des Surrealismus verletzt, weil sie journalistisch gearbeitet, die anderen, weil sie sich zu sehr um politische Fragen gekümmert haben. Während sich die Bewegung danach mit der Zeitschrift »Le Surréalisme au Service de la Révolution« wieder stabilisierte, lancierten die Ausgeschlossenen das Pamphlet »Ein Leichnam« gegen Breton; ein gleichnamiges Papier hatten einzelne Gruppenmitglieder gemeinsam mit dem Chefsurrealisten 1924 gegen Anatole France als Inbegriff des bürgerlichen Schriftstellers gerichtet.
 
Aber der Surrealismus war mittlerweile eine anerkannte geistig-künstlerische Bewegung, die sich in diesen und etlichen weiteren Streitigkeiten bis zu ihrer Auflösung 1969 immer wieder läuterte und bei aller Dynamik festigte. Dabei gab sie zugleich Anlass zu neuen Gruppenbildungen, die in markanter Weise Wege und Richtungen von Kunst, Literatur und Philosophie bis in die unmittelbare Gegenwart bestimmen - und dies nicht in Frankreich allein, denn der Surrealismus ist grenzüberschreitend in den Ländern der Alten und der Neuen Welt wirksam geworden, in Deutschland und Belgien ebenso wie in Ungarn, der Tschechoslowakei und in Jugoslawien, in Italien, Spanien und Portugal, auf Haiti ebenso wie in Japan, den USA, in Peru oder Mexiko. Die psychische und mentale Energie, die zu diesem Erfolg führte, hat Antonin Artaud 1925 seherisch umrissen: »Ich glaube, dass der Surrealismus für uns das Leben ist, und dass man keinen Unterschied zwischen der reinen geistigen Spekulation des Surrealismus und der Wiederherstellung des Lebens auf surrealistischer Ebene herbeiführen darf.«
 
Prof. Dr. Wolf-Dieter Lange
 
 
Bürger, Peter: Der französische Surrealismus. Studien zur avantgardistischen Literatur. Erweiterte Ausgabe. Frankfurt am Main 1996.
 
Englische Literaturgeschichte, herausgegeben von Hans Ulrich Seeber. Stuttgart u. a. 21993.
 Schirmer, Walter F.: Geschichte der englischen und amerikanischen Literatur. 2 Bände. Tübingen 61983.

Universal-Lexikon. 2012.

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